Gehört.Gelesen sprach mit Herbert Otahal, Musiker und Professor an der Musikuniversität Wien, über die Universalität von Musik und welche Einschränkungen beim Hören von Musik unbedingt vermieden werden sollten.

„Ich hätte ja Klaviere zertrümmert, die Kraft hatte ich aber nicht“, lacht Herbert Otahal. Der Ausnahmemusiker trat bereits im Alter von 15 Jahren erfolgreich in verschiedenen Jazzkellern in Wien auf. Das nötige Können dazu eignete er sich an, indem er Gehörtes nachspielte. Es habe ihm aber immer zu lange gedauert, bis er die Einzelheiten scharf genug hören und das Gehörte am Instrument umsetzen konnte. Er schmunzelt: „Einige Tasten mussten da schon dran glauben.“

Der geborene Klosterneuburger ist heute Pianist, Komponist und Arrangeur. Bereits mit 21 Jahren begann er, in Wien Musik zu unterrichten: erst am Prayner-Konservatorium, dann am Franz Schubert Konservatorium und seit 1995 an der Universität für Musik.

Wenn Otahal über Musik spricht, unterscheidet er scharf zwischen der Musik an sich und der Technik am Instrument. So lange man sich auf das Instrument konzentrieren muss, sei das eigentliche Wesen von Musik im Hintertreffen, denn: „Musik kommt von innen. Um seine Emotionen auszudrücken, ist es oft besser, auch nichts über Musiktheorie und Musikkonzepte zu wissen.“

Vielleicht ist es für Otahal bezeichnend, dass seine musikalische Wurzel Jazz laut Wikipedia eine Kombination ganz unterschiedlichster Musikkonzepte ist: eine Mischung europäischer Tonsysteme und Instrumente mit afrikanischen Rhythmen und mit der Lust am Improvisieren. Der Künstler selbst hält wenig von einem Zu viel an theoretischen Musikkonzepten, „Kopfmusik“ wie er sagt: „90 Prozent der Menschheit kommt ohne Noten und Theorie aus und die machen dabei wunderbare Musik, ebenso hochwertig wie die europäische Musik.“

Gute Musik und flache Texte

Musik aus Europa, Afrika oder Asien – die Musikwissenschaft benennt zwar die Unterschiede, doch auch fremdartige Musik kann uns ergreifen. „Diese andere Musik befremdet beim ersten Mal, aber man hört sich schnell ein.“ Otahal schmunzelt: „Und das ganz ohne Vokabel oder Grammatik lernen zu müssen.“ Der Wahlweinviertler betrachtet Musik als universelle Sprache: „Musik ist meine Art, Geschichten zu erzählen. Ich kann mir dabei sicher sein, jeder Zuhörer wird sie verstehen – egal aus welcher Nation er ist, welche Sprache er spricht.“

Sein Allroundtalent bewies Otahal schon vielfach als Arrangeur und musikalischer Leiter zahlreicher Musik- und Bühnenproduktionen, unter anderen für mehrere Produktionen des Wiener Kabaretts Simple. Speziell beim Kabarett ist es wichtig, dass auch der Wortlaut des gesungenen Textes für die Zuhörer gut zu verstehen ist. Eine Herausforderung, wie Otahal versichert. „Gesungenen Text zu verstehen, ist immer schwierig“, und er schmunzelt: „Deswegen hat aktuelle Musik oft so flache Texte.“

Auch in der Oper wird die Handlung über den Text transportiert. „Dabei leidet entweder die Musik, oder man braucht eine Inhaltsangabe“, seufzt Otahal. Die Anforderung, den gesungenen Text zu verstehen, sei oft eine Überforderung auch für gut hörende Zuhörer. Der Profimusiker erklärt, dass Text und Musik in verschiedenen Hirnregionen verarbeitet werden. „Ich verstehe oft mehr vom Text als andere, weil ich als Musiker auf einzelne Stimmen fokussieren und die Musik wegblenden kann. Aber ich merke richtig, wie ich umschalte.“ Für Menschen, denen diese Fähigkeit fehlt, gewinne Emotionalität und Groove rasch die Oberhand.

Mit dem Witz vieler Jahre Kabarett-Erfahrung ergänzt Otahal verschmitzt: „Böse Zungen behaupten, die großen Komponisten hätten stets die schlechteren Gedichte vertont. Ein gutes Gedicht braucht keine Musik.“

Hören – eine vielschichtige Sache!

Viele Musiker haben laut Otahal ein extrem gutes Gehör. „Ich hatte einen Studenten, dem habe ich eine Orchesteraufnahme vorgespielt und er hat mich darauf hingewiesen, dass beim Klavier das kleine D verstimmt ist. Beim vierten Mal Hören habe ich das dann auch gehört.“ Die Ansicht, gutes Gehör – oder gar ein sogenanntes absolutes Gehör – sei angeboren, ist mittlerweile aber überholt. Heute wird das Gehör beim Musikunterricht mittrainiert. „Ich hatte einen Studenten, der mit 17 Jahren beschlossen hat, dass er jetzt absolut hören möchte. Der hat das erfolgreich geübt.“

„Hören ist ja eine vielschichtige Sache.“ Das Erkennen von Tonhöhe und Intervall wie in der klassischen Gehörbildung sei ein Teil davon, dazu komme aber das musikalische Gedächtnis, eine längere Abfolge von Tönen zu behalten. „Das ist wie der Unterschied, ob man ein Wort wiedergibt, oder eine Geschichte.“

Wie bei einem Gespräch mit mehreren Leuten sei es auch bei Musik wichtig, auf das Wesentliche zu fokussieren: „Durchhören auf den einzelnen Sprecher“, oder eben auf das einzelne Instrument. Das kann man üben – als Musiklehrer sucht Otahal für seine Studierenden dazu Musikbeispiele, bei denen einzelne Instrumenten-Stimmen deutlich zu hören sind. Für Anfänger kann man die Instrumente eingangs auch getrennt vorstellen. „Man merkt, wie sich der Fokus auf diese eine Stimme richtet und der Rest langsam weggeblendet wird.“

„Fastfood in der Musik“

Den ultimativen Musikgenuss bietet sicher Live-Darbietung. Otahal zeichnet als Komponist und Arrangeur aber auch für zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen verantwortlich. Dabei geht es nicht nur um Gesangsnummern, sondern primär um die musikalische Untermalung einzelner Szenen. „Ich kann mit einem ganz tiefen Ton bei 10 oder 15 Hertz Angst erzeugen. Das wummert so richtig, das spürt man richtiggehend im Nabel.“ TV-Systeme hatten früher überwiegend Mono-Wiedergabe, und das über verhältnismäßig kleine Lautsprecher, die tiefe Töne nicht entsprechend transportieren konnten. Der 57-jährige Komponist erinnert sich: „Für Fernsehmusik musste man damals ganz anders komponieren.“

Heute spricht man zu Recht vom Heimkino, wenn mit Surround-System, Woofer und Subwoofer Kinotechnologie ins Wohnzimmer Einzug gehalten hat. Otahal wundert sich über den Hang zu iPod und Film-Streaming über PC oder Laptop: „Die Technik wird immer ausgefeilter und dann hört man Musik auf winzig kleinen Lautsprechern, wo nichts rauskommt. Alle stecken sich die Kopfhörer tief in die Ohren: Damit wird es zwar lauter, aber die Bässe kriegen sie so trotzdem nicht!“

Spezielle Tipps für Nutzer von Hörhilfen hat Otahal keine, nur dass alle Frequenzen gut übertragen werden sollten. Denn egal ob Stereoanlage oder Hörsystem: Wenn Frequenzen fehlen, stark gedämpft oder komprimiert werden, wirke Musik immer flach: „Das ist wie fades Essen, Fastfood, dem die entsprechenden Gewürze fehlen. Es ernährt, aber es fehlt etwas.“

Der Stellenwert des Hörens

„Ich kann von Geburt an nicht riechen. Ich habe ehrlich gesagt Angst davor, ich möchte nicht riechen, weil ich nicht wüsste, wie ich damit umgehen soll – mit einem Sinn, den ich nicht kenne.“ Er könne Menschen verstehen, die in dieser Hinsicht Hemmungen bei Hörimplantaten haben, aber: „Es war berührend für mich, wie wichtig das Hören für die Betroffenen letztlich ist.“ Diese Erfahrung ist Otahal von der Veranstaltung Hören Bewegt in Erinnerung, zu der er im Frühling 2019 als Teilnehmer der Podiumsdiskussion eingeladen war.

Auch für Otahal hat die Fähigkeit zu hören einen höheren Stellenwert als das Riechen. Mit einer Ertaubung würde ihm Kommunikation gleich auf zwei Ebenen verlustig gehen: als audioverbale Kommunikation und Kommunikation über Musik. „Wenn sie mich mit 30 gefragt hätten, wäre bei einer Ertaubung auch ein möglicher Berufsverlust für mich bedrohend gewesen. Jetzt ist das nicht mehr so relevant. Aber die Möglichkeit zur Kommunikation, die Möglichkeit, sich mitteilen zu können – das zu verlieren, davor hätte ich Angst. Mir ist bei der Veranstaltung im Haus der Musik bewusst geworden, dass Hören nicht selbstverständlich ist. Das habe ich bis dahin aktiv verdrängt.“


WISSENSWERT

Die Tonqualität beim Hörsystem

Alle Funktionen und Einstellungen, die bei Hörsystemen Sprache besonders hervorheben sollen, unterdrücken gleichzeitig die Wiedergabe des instrumentalen Anteils von Musik. Wenn es für einzelne Nutzer wichtig ist, in Gesprächssituationen die Sprache hervorzuheben, kann für den Musikgenuss ein anderes Programm genützt werden. Manche Systeme, wie der neue SONNET 2, verändern sogar die Einstellung situationsabhängig automatisch.

Die technischen Grenzen der Klangtreue werden von den Wandlern vorgegeben: Mikrofon und Hörer, so die Bezeichnung für den Miniaturlautsprecher beim Hörgerät. Bei Hörimplantaten setzt jener Teil die Grenze der Frequenzwiedergabe, welcher das Signal an den menschlichen Körper übergibt – bei Cochlea-Implantaten ist das die aktive Elektrode. Tiefe Insertion langer Elektroden ermöglicht die Nutzung der gesamten Hörschnecke, der Cochlea, in allen Tonbereichen. Feinstruktur-Kodierung kann die tiefen Töne noch feiner darstellen.

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