Trotz einseitiger Taubheit wieder hören dank Cochlea-Implantat

Der Steirer Josef Haas verlor infolge eines Unfalls sein Hörvermögen am rechten Ohr. Dank Cochlea-Implantat und konsequentem Üben kann er jetzt wieder die Vorteile beidseits guten Hörens genießen.

Josef Haas beim Video-Podcast „Hörgespräche - Sinnvolles aus dem Leben“ ©Philipp Hicker

„Ich bin einer der wenigen Menschen mit dem offiziellen Befund, dass er im Kopf dicht ist“, lacht Josef Haas. Doch im Jahr 2022 war ihm nicht zum Lachen zumute. Damals zog er sich bei einem Sturz gleich mehrere schwere Verletzungen zu: Darunter auch einen Schädelbasisbruch, infolgedessen auch Gehirnflüssigkeit austrat, wie der leidgeprüfte 61-Jährige erzählt. Der Bruch ist verheilt, der Schädelknochen wieder dicht, aber der Vorfall hat den Steirer das Hörvermögen auf rechter Seite dauerhaft gekostet. Stattdessen vernahm er fortan stets ein starkes Rauschen. „Da hört man Dinge, die man eigentlich nicht hören sollte“, erklärt Haas das Phänomen, das die Medizin Tinnitus nennt. „Das hat mich schon sehr schockiert.“

Tinnitus ist eine häufige Begleiterscheinung einseitiger Taubheit, doch bei Weitem nicht die einzige Auswirkung. „Mit einem Ohr gibt es Situationen, in denen man schnell merkt: Es funktioniert nicht alles so. Man hört leise – laut, aber nicht die Richtung“, erinnert sich Haas an seine Erfahrungen. Die Auswirkungen erläutert er: „Wenn das Handy läutet, weiß man, das könnte jetzt weiter weg liegen. Aber man weiß nicht, wo.“

Eine weitere Folge sind Probleme beim Sprachverstehen in Räumen mit Hintergrundgeräuschen. Betroffene müssen sich beim Zuhören mehr konzentrieren, ermüden schneller und leiden mitunter auch unter häufigen Kopfschmerzen.

Manche Informationen gehen mit nur einem Ohr verloren

Natürlich können wir auch mit einem Ohr hören und in ruhiger Umgebung meist auch gut kommunizieren. Für seitlich auftreffenden Schall ist der Kopf aber ein Hindernis und wirft für manche Tonhöhen einen Schatten. Die Ohren hören dann unterschiedlich laut. Andererseits hören die Ohren Schall von der Seite minimal zeitversetzt. Unser Gehirn nutzt die winzigen Unterschiede, um die Schallquelle zu orten und um im komplexen Schallfeld verschiedene Schallquellen zu differenzieren und eine spezifische hervorzuheben.

Mit zwei Ohren hören und verstehen wir aus allen Richtungen gleich gut und gewinnen einen dreidimensionalen Höreindruck. Beidseitiges Hören verbessert aber auch das Wahrnehmen leiser Geräusche, weil beidseitiges Hören die Lautheit annähernd verdoppelt. Gemeinsam mit der Lokalisation erhöht das die Sicherheit im Alltag: Warnsignale oder herannahende Fahrzeuge werden besser wahrgenommen und lokalisiert.

Hören wir mit nur einem Ohr, dann gehen alle diese binauralen Funktionen verloren.

Vom Hilfsmittel zum vollwertigen Ersatz des tauben Ohrs

Einseitig taub hat Josef Haas zwar gehört, wenn das Handy geläutet hat, aber oft nicht, wo. ©Adobe Stock

Josef Haas versuchte es eineinhalb Jahre lang mit einer sogenannten CROS-Versorgung: Der Schall am tauben Ohr wird auf das hörende Ohr weitergeleitet. Das kann mit einem System konventioneller Hörgeräte umgesetzt werden: Mikrofon auf der tauben Seite, Schallbearbeitung und -abgabe auf der hörenden Seite. Auch Knochenleitungssysteme können als CROS-Versorgung arbeiten: Der Schall am tauben Ohr wird direkt dort vom Knochenleitungsgerät oder -implantat an den Schädelknochen übertragen und der leitet ihn zum hörenden Innenohr.

„Das war schon eine Hilfe“, bestätigt Haas, räumt jedoch ein: „Das räumliche Hören war damit nicht zurück!“ Als sich nach einigen Versuchen mit Osteopathie und Akkupunktur bestätigte, dass das Innenohr tatsächlich irreversibel geschädigt war, entschied er sich zu einem Cochlea-Implantat, kurz: CI. Beim CI wird der Schall auf der tauben Seite aufgenommen, das funktionsuntüchtige Innenohr wird überbrückt und der auditive Reiz direkt an die Nervenstruktur hinter dem tauben Ohr abgegeben.

„Ich habe dann geschaut, dass ich schnellstmöglich einen Termin für eine solche Cochlea-Implantation bekomme.“ Am 20. November 2023 war es soweit, wenig später erfolgte die Aktivierung des Systems. „Das war schon ein Erlebnis, dass ich wieder beidseits höre!“

Mit Cochlea-Implantat den richtigen Ton treffen

„Vogelzwitschern war schnell präsent, sogar in HiFi-Qualität“, freute sich der frisch gebackene CI-Nutzer nach der Aktivierung. „Da wird das andere auch langsam kommen.“ Mit „das andere“ sind gutes Sprachverstehen und ein naturnahes Klangbild gemeint.

Das Cochlea-Implantat bildet zwar das natürliche, auditive Hörvermögen nach. Wie EEG-Untersuchungen zeigen, reorganisieren sich die kortikalen Bereiche des Hörsinns aber nach einer einseitigen Ertaubung: Je länger die Taubheit anhält, desto umfangreicher und manifester ist die Umstrukturierung. Nach dem Wiedererlangen des beidseitigen Hörvermögens mittels Cochlea-Implantation braucht es deswegen besonders bei einseitig ertaubten Betroffenen eine neuerliche Reorganisation der Hirnrinde – und das braucht Zeit und Übung.

Dabei kommen auch technische Parameter ins Spiel, bei denen Cochlea-Implantate von MED-EL wesentliche Alleinstellungsmerkmale aufweisen. Denn die Information über die Tonhöhe steckt primär im Stimulationsort: Tiefe Frequenzen werden in der Spitze der Hörschnecke empfunden, hohe Töne hingegen am Eingang zum Innenohr. MED-EL ist aber der einzige CI-Hersteller, der passende Elektrodenlängen anbietet, mit denen nicht nur untypisch-kleine Innenohren am korrekten Platz stimuliert werden können. Mit dem Planungsinstrument OTOPLAN wird das Innenohr dazu schon vor der Operation vermessen, nach der Operation wird damit die tatsächliche Lage der Stimulationspunkte in der Cochlea ermittelt. Dank anatomisch basierter Anpassung, kurz ABF, wird den Stimulationspunkten der jeweils optimale Tonabschnitt zugeordnet. Gleichzeitig wendet das System eine tonhöhenabhängige Stimulationssequenz an: Man spricht von der sogenannten FineHearing-Kodierung.

Das zentrale Gehör neu stimmen

„Das waren anfangs schon unterschiedliche Tonhöhen zwischen links und rechts“, erinnert sich auch Haas. Trotz angepasster Elektrodenlänge, ABF und FineHearing ist das nicht ganz zu verhindern. Der Steirer war aber konsequent und empfiehlt das auch anderen CI-PatientInnen: Den Prozessor hat er von Anfang an im Alltag immer getragen, beim Üben hat er wechselweise beidseits und nur mit CI geübt.

Der Hobbymusiker – er spielte vor dem Unfall Schlagzeug – machte sogar aus einer weiteren Not eine Tugend: Seit dem Unfall war nämlich auch seine Fingerfertigkeit in Mitleidenschaft gezogen. Um sie wiederherzustellen, entschloss er sich, Klavierspielen zu erlernen. „Bei Don`t Worry, Be Happy von Bobby McFerrin habe ich die Grundtöne mitgespielt. Im CI hörte ich es anfangs um zwei Halbtöne zu tief. Wenn ich das aber vorher mit beiden Ohren angehört und dann nochmals nur ins CI gestreamt habe, dann hat es richtig geklungen. So habe ich die eine Gehirnhälfte quasi zur anderen dazugestimmt“, schmunzelt er.

„Wie sich das im Gehirn angleicht, das ist schon ein Phänomen!“ Voraussetzung dafür sind neben dem konsequenten Training möglichst geringe Unterschiede im Tonempfinden – wie das mit aktueller CI-Technologie möglich wird: lange Elektroden, FineHearing, OTOPLAN und ABF.

WISSENSWERT

©Philipp Hicker

Josef Haas war im Vorjahr Gast im Hörgespräch: www.hoerenbewegt.at/hoergespraeche/

Hörbeispiele für einseitiges und beidseitiges Hören finden Sie auch auf www.switch-on-life.com

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