Podiumsdiskussion mit Hörimplantierten, Presse und Politik
Theoretisch ist kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht, das auch für Menschen mit Hörverlust gelten sollte. So ist es in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert. Doch was auf dem Papier selbstverständlich scheint, ist im Alltag oft noch nicht Realität.

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Unter dem Motto „Von der Stille zur Bühne – Kulturelle Teilhabe für Menschen mit Hörverlust“ lud MED‑EL zu einer Podiumsdiskussion in Innsbruck ein. Die Teilnehmenden teilten ihre persönliche Erfahrungen, politischen Perspektiven und konkreten Lösungsansätze für mehr kulturelle Teilhabe von Menschen mit Höreinschränkungen.
Musik ist für alle da
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie man jene unsichtbaren Barrieren beseitigen kann, die schwerhörige und taube Menschen von Musik, Theater und anderen kulturellen Veranstaltungen sowie dem gesellschaftlichen Leben im Allgemeinen ausschließen. Barrierefreiheit bedeutet für Menschen, die schlecht hören, nämlich nicht Rampen und Lifte, sondern Lösungen, die Sprache und Musik erlebbar und zugänglich machen. Sensibilisierung, Schulungen und technische sowie gesetzlich-politische Rahmenbedingungen sind dazu notwendig. Doch Technik allein schafft noch keine Inklusion.
Ernst Tanzer, CI-Nutzer aus Tirol, und ehemaliger Bezirksobmann des Blasmusikverbands Wipptal Stubai, diskutierte bei der Podiumsdiskussion als leidenschaftlicher Musiker mit. Ebenso Heinz Kirchschlager, Hörberater mit CI, der seine Steirische Harmonika als Rehabilitationsinstrument nach der Implantation einsetzte; Hildegard Stoll, BONEBRIDGE-Nutzerin, vielseitige Musikerin und Leiterin eines Tiroler Volksmusikensembles brachte die Perspektiven von Menschen mit einseitigem Hörverlust ein. Sie genießt die neue Freiheit, sich im Chor überall platzieren zu können, und gut zu hören, egal, wo sie sitzt.
Alle drei Hörimplantierten betonten, dass Teilhabe nicht von selbst passiert, sondern Engagement braucht. Und zwar von jedem Einzelnen, der Barrieren wahrnimmt und sie anspricht.

Spannende Podiumsdiskussion: v.li.: Mag. Wolfgang Grünzweig (Behindertenbeirat), Marisa Strobel (Die Schnecke), Carmen Kronawettleitner (Moderation), Hildegard Stoll, Heinz Kirchschlager, Ernst Tanzer (Hörimplantierte) ©Visua-Lisa/MED-EL
Kulturelle Teilhabe: Mehr als Oper und Theater
In der Podiumsdiskussion wurde eines deutlich: Kultur geht weit über Konzert- oder Theaterbesuche hinaus. Sie findet überall dort statt, wo sich Menschen begegnen: in Museen, bei Lesungen oder in Bibliotheken. Gerade diese Orte können Inklusion spürbar machen, besonders, wenn Angebote niederschwellig und technisch gut unterstützt sind.
Der Behindertenbeauftragte der Stadt Innsbruck, Mag. Wolfgang Grünzweig, und die Chefredakteurin der DCIG-Zeitschrift Die Schnecke, dem deutschen Pendant zur gehört.gelesen, Marisa Strobel, beleuchteten das Thema Kulturelle Inklusion von der politischen und gesellschaftlichen Seite.
„Viele Menschen mit Hörbehinderung bleiben Kulturveranstaltungen fern, weil sie gar nicht wissen, dass es passende Hilfen gibt“, meinte Mag. Grünzweig. „Echte Teilhabe heißt: Man kommt einfach und kann dabei sein, ohne Hürden und ohne Sonderbehandlung.“
Auch Marisa Strobel bestätigte dies. Die Erfahrung aus Deutschland zeigt: „Immer mehr Theater und Kinos statten ihre Säle mit FM-Systemen, Untertiteln oder Induktionsschleifen aus. Das wird aber nicht ausreichend kommuniziert und Betroffene kennen die Angebote häufig gar nicht. Somit bleibt Barrierefreiheit unsichtbar.“ Ihre Redaktion erhält regelmäßig Rückmeldungen von LeserInnen, die durch Die Schnecke erstmals von barrierefreien Veranstaltungsformaten erfahren.
Strukturelle Inklusion: Was Politik, Kommunen und Kulturstätten tun können
Aus Sicht der Stadt Innsbruck schilderte der Behindertenbeauftragte, wie Inklusion Schritt für Schritt umgesetzt wird. Kulturhäuser werden zunehmend mit Induktionsschleifen und mobilen FM‑Systemen ausgestattet. Dabei wird gleichzeitig auch das Personal besser geschult. Allerdings löst das das Problem für Hörbeeinträchtigte nicht immer, denn in Theatern werden die wenigen mit Induktionsschleifen ausgestatteten Sitze nicht ausschließlich für Hörbeeinträchtigte reserviert, so wie das bei Rollstuhlplätzen der Fall ist. So sitzen Menschen mit Hörverlust oft auf nicht barrierefreien Sitzplätzen, weiter weg von der Bühne und ohne Sicht auf die Mimik der Schauspielenden.
Als positives Beispiel nannte Grünzweig das letzte Innsbrucker Stadtfest, bei dem erstmals alle Bühnen technisch wie kommunikativ barrierefrei ausgestattet waren. „Wenn man Fördergelder an Barrierefreiheit koppeln würde, käme die Umsetzung rascher voran“, betonte er.
Kulturelle Teilhabe darf kein Zufall oder Privileg sein
Zur Umsetzung wurden unter anderem folgende Empfehlungen abgegeben:
- Politische Rahmenbedingungen schaffen: Finanzielle Förderungen an Barrierefreiheit knüpfen, Anreizsysteme für inklusive Kulturprogramme etablieren
- Sichtbarkeit verbessern: Barrierefreie Angebote klar kennzeichnen, Betroffene aktiv in Planung und Umsetzung einbinden
- Selbst aktiv werden: Veranstalter frühzeitig über eigene Bedürfnisse informieren, Plätze mit guter Sicht wählen, Feedback geben und andere auf bestehende Möglichkeiten aufmerksam machen
- Infrastruktur verbessern: Flächendeckender Einsatz von FM‑Systemen, Induktionsschleifen und akustisch optimierten Räumen; barrierefreie Planung als Bestandteil von Bauprojekten und bereits im Architekturstudium; Das Thema Barrierefreiheit ist aktuell kein fixer Bestandteil in der Architekturausbildung.
- Sensibilisierung und Schulung: KulturmitarbeiterInnen im Umgang mit jener Hörtechnologie schulen, die sie selbst anbieten; Kooperation mit Selbsthilfegruppen fördern
Fazit: Echte Inklusion und Barrierefreiheit beginnt mit der Sensibilisierung für die Bedürfnisse von Menschen mit Hörverlust. Ohne Bewusstseinsbildung und politische Unterstützung wird es trotz der heute verfügbaren Technik keine hundertprozentige Inklusion geben.
Hier zwei Wikimedia-Beispielbilder, die zum Üben anregen sollen:

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