Mit Cochlea-Implantat in den USA leben 

Ein Umzug auf einen anderen Kontinent ist für jede Familie ein Abenteuer. Für die Familie Pareiss kam noch eine besondere Frage hinzu: Wie würde sich das Leben in einer fremdsprachigen Umgebung für ihren Sohn Paul gestalten, der mit zwei Cochlea-Implantaten hört? Die Antwort darauf macht Mut. 

Carmen Kronawettleitner

©Carmen Kronawettleitner

Als Familie Pareiss vor viereinhalb Jahren erfuhr, dass es beruflich für einige Jahre in die USA gehen würde, stand rasch fest: Dieses Abenteuer wollen sie gemeinsam wagen. Für die Eltern Stefanie und Robert bedeutete die Entsendung einen Neuanfang in Houston, für ihre Kinder Paul, damals acht, den 16 Monate jüngeren Jakob und die vierjährige Teresa den Schritt in eine neue Sprache, ein neues Schulsystem und eine völlig andere Kultur. Rund sechs Monate blieben der Familie, um sich auf die Übersiedlung vorzubereiten. Dass das Ziel schließlich Houston in Texas und nicht, wie ursprünglich geplant, New Jersey sein würde, erfuhren sie erst relativ kurzfristig. 

Besonders gespannt blickten die Eltern auf die Situation ihres ältesten Sohnes Paul. Er wurde aufgrund einer genetisch bedingten Hörbeeinträchtigung bereits im Alter von sieben Monaten beidseits mit Cochlea-Implantaten versorgt. Als die Familie in die USA zog, besuchte er gerade die dritte Klasse Volksschule in Wien. Natürlich stellte sich die Frage, wie sich ein Wechsel in eine englischsprachige Umgebung auf seine Sprachentwicklung, seinen Schulalltag und sein Hören mit CI auswirken würde. 

Englisch lernen mit Cochlea-Implantat? 

Die ehrliche Antwort der Eltern lautet: Ja, es war eine Herausforderung. Aber nicht unbedingt aus den Gründen, die man zunächst vermuten würde. 

„Es ging nicht so schnell, wie alle gesagt haben“, erinnert sich Stefanie. Zwar waren die Kinder nach einigen Monaten bereits gut im Schulalltag angekommen, doch bis der berühmte „Knopf aufging“ und Englisch selbstverständlich wurde, dauerte es deutlich länger. 

Pauls jüngerer Bruder Jakob sprach einfach drauflos. Fehler störten ihn nicht. Paul hingegen wollte alles richtig machen. Sein Perfektionismus wurde dabei ein klein wenig zum Hindernis. „Er wollte grammatikalisch korrekt sprechen. Das hat ihn eher blockiert“, erinnert sich sein Vater. 

Dass Paul etwas länger brauchte, führen die Eltern allerdings nicht auf die Cochlea-Implantate zurück, sondern vielmehr auf seine Persönlichkeit und sein Alter. Heute spricht er, gleich wie seine Geschwister, fließend Englisch und profitiert enorm von seinen erworbenen Sprachkenntnissen. 

Die Familie ist überzeugt: Die Implantate haben Paul in seiner sprachlichen Entwicklung nicht gebremst. 

Paul und seine beiden Geschwister sind von der Velden-Bühne bei den Summer Days nicht mehr wegzudenken. ©Carmen Kronawettleitner

Eine Schule, die Vielfalt gewohnt ist 

Ein wichtiger Faktor für den gelungenen Start war die Schulwahl. Die Kinder besuchen eine internationale Schule in Houston, die viel Erfahrung mit Schülerinnen und Schülern hat, für die Englisch nicht die Muttersprache ist. 

Paul erhielt am Anfang zusätzliche Unterstützung im sogenannten EAL-Programm (English as an Additional Language). Dass sein Klassenvorstand sogar Deutsch sprach, erleichterte die ersten Monate zusätzlich. Besonders positiv empfand die Familie die Selbstverständlichkeit, mit der die Schule auf Pauls Cochlea-Implantate reagierte. Als die Eltern die Schule über die Hörsituation informierte, wurde daraus kein großes Thema gemacht.  

„Die Lehrkräfte lasen das Infoblatt über Cochlea-Implantate, informierten sich über Pauls Hörsituation und schufen damit unkompliziert die Grundlage für einen gelungenen Schulstart.“  

Paul selbst wollte weder Sonderbehandlung noch einen Platz in der ersten Reihe, um besser zu verstehen. „Und eigentlich hat es das gar nicht gebraucht“, sagt Stefanie lachend.  

Inklusion als gelebter Alltag 

Im Vergleich zwischen Österreich und den USA sehen die Eltern vor allem beim Thema Inklusion deutliche Unterschiede. In Houston erleben sie, dass Menschen mit Behinderungen wesentlich sichtbarer am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und selbstverständlich dazugehören. Kinder mit unterschiedlichsten Einschränkungen begegnen ihnen im Alltag viel öfter als in Österreich.   

Auch die Schule der Kinder legt großen Wert auf ein respektvolles Miteinander. Vielfalt gilt als normal, Mobbing wird konsequent geahndet. Robert ist überzeugt, dass auch an einer öffentlichen Schule Benachteiligung oder Diskriminierung, unter anderem aus Angst vor Klagen, nicht akzeptiert würden. 

Versorgung: Österreich bleibt der Maßstab 

So positiv die Erfahrungen in Schule und Alltag waren, so kritisch beurteilt die Familie die medizinische und technische Versorgung in den USA. Hier fällt der Vergleich eindeutig zugunsten von Österreich aus. 

„Wir haben in Österreich den Goldstandard in der CI-Betreuung“, ist Robert überzeugt. Während hierzulande spezialisierte Einrichtungen wie das ZENTRUM HÖREN in Wien umfassende technische Unterstützung und promptes Service anbieten, hängt die Versorgung in den USA wesentlich stärker von der gewählten Versicherung und den regionalen Angeboten ab. 

Zwar benötigte Paul während der Jahre in Houston weder Logopädie noch weitere spezielle Rehabilitationsmaßnahmen, doch als in den USA ein Prozessor-Upgrade anstand, mussten sich die Pareiss‘ erst mühsam durch das komplizierte und undurchsichtige amerikanische Versicherungssystem kämpfen.  

Auch bei kleineren technischen Problemen ist vieles aufwendiger als in Österreich. Ersatzteile werden über die Klinik bei MED-EL USA bestellt und treffen meist erst nach ein bis zwei Tagen ein. Ist die Ursache eines Problems nicht eindeutig, müssen die Pareiss‘ die zugesandten Komponenten selbst durchtesten, um den Fehler zu finden. Da die Familie in Houston keine anderen Familien mit CI-versorgten Kindern kennenlernte, dauerte es einige Zeit, bis sie eine engagierte Audiologin fand, die mit MED-EL-Cochlea-Implantaten vertraut war. Dennoch ließen sie die meisten Anpassungen weiterhin während ihrer Heimaturlaube in Österreich durchführen. 

Die größte Sorge, ein schwerwiegender technischer Defekt, blieb zum Glück aus. Denn abgesehen von den komplexen Verfahren, sind die Kosten für audiologische Untersuchungen immens. Bereits Standardtermine konnten mehrere Hundert Dollar kosten. Umso mehr schätzen die Eltern heute die engmaschige und unkomplizierte Versorgung, die Menschen mit Cochlea-Implantaten in Österreich zur Verfügung steht. 

Im Team angekommen 

In seiner Freizeit spielt Paul leidenschaftlich gern Fußball, wobei seine Trainer von Anfang an über dessen CIs informiert waren. Seine Fußballerkarriere unterscheidet sich kaum von der anderer Nachwuchs-Ronaldos. Nur wenn jemand über das ganze Spielfeld hinweg etwas ruft, wird es manchmal schwierig. In seinem neuen Team half der Spitzname „Paulie“, dass es keine Verwechslungen mehr zwischen „Paul“ und „Ball“ gibt, zwei Wörter, die im Englischen ähnlich klingen und den Jungen manchmal verunsicherten. 

Zurück nach Österreich

„Unsere Kinder werden vom kulturellen und sprachlichen Austausch ein Leben lang profitieren“, sind Stefanie und Robert überzeugt. © Carmen Kronawettleitner

Nach mehreren Jahren in den USA steht in wenigen Monaten die Rückkehr nach Österreich bevor. Die größte sprachliche Herausforderung sehen die Eltern diesmal nicht im Englischen, sondern im Deutschen. 

Denn obwohl zuhause Deutsch gesprochen wird, unterhalten sich die Kinder inzwischen meist auf Englisch untereinander. Sie schreiben Nachrichten auf Englisch und antworten ihren Eltern auch meistens in ihrer Zweitsprache.  

Besonders ihre schriftlichen Deutschkenntnisse werden sie nach der Rückkehr wieder auffrischen müssen, um den österreichischen Schulalltag erfolgreich zu meistern. Sorgen machen sich die Eltern deshalb jedoch kaum, vor allem bei Paul, der nach wie vor am besten in der Muttersprache spricht und schreibt. Und wer erlebt hat, wie drei Kinder innerhalb weniger Jahre eine neue Sprache und Kultur erobern können, vertraut darauf, dass auch der Schritt zurück gelingen wird. 

Grenzen entstehen oft zuerst im Kopf 

Für andere Familien, die mit einem Kind mit Cochlea-Implantat einen Auslandsaufenthalt planen, haben Stefanie und Robert eine klare Botschaft: Cochlea-Implantate sollten niemals der Grund sein, eine solche Chance nicht wahrzunehmen. „Unsere Kinder werden vom kulturellen und sprachlichen Austausch ein Leben lang profitieren“, sind die beiden überzeugt. 

Wichtig seien eine gute Vorbereitung und Information über die CI-Versorgungssituation vor Ort sowie eine enge Abstimmung mit Hersteller und Versicherung. Ein Backup-Prozessor könne zusätzliche Sicherheit geben. 

Eines hat Familie Pareiss gelernt: Hörbeeinträchtigung ist kein Hindernis. Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass sich sprachliche, kulturelle und geografische Grenzen überwinden lassen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und das Vertrauen größer ist als die Angst vor dem Unbekannten. Grenzenlos hören, den Mut zu haben, die Welt neu zu entdecken. Und das ist mit einem CI einfach möglich. 

„Milo – der kleine Pirat mit der BONEBRIDGE“ gibt es kostenfrei bei MED-EL über den/die betreuendeN CI-Techniker:in oder im ZENTRUM HÖREN. 

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