Aus der Stille ins pulsierende Spanien
Eine schwere Meningitis führte beim damals erst 14 Monate alten Konstantin Kehayov zur Ertaubung – doch sie bestimmt nicht seinen weiteren Lebensweg. Heute studiert der Bulgare Internationale Beziehungen in Madrid.

©Maria Kehayova
„Meine Geschichte begann 2008“, erzählt Konstantin Kehayov. „Es ist eine Geschichte, wie der menschliche Organismus durch Technologie noch ergänzt werden kann.“ Damit meint der Bulgare seine beiden „neuen Ohren“: Seine Cochlea-Implantate, kurz: CI, die er an einem heißen Julitag in Wien erhielt. Doch eigentlich hat seine Reise zum neuen Hören schon einige Monate zuvor unter noch deutlich dramatischeren Umständen begonnen: Der damals kleine Junge erkrankte in Sofia an Meningitis und fiel ins Koma. Tagelang schwankte seine Familie zwischen Hoffnung und Angst.
Als Konstantin endlich erwachte, war die Erleichterung unermesslich – doch es gab eine erschütternde Nachricht: Konstantin konnte nicht mehr hören. „Meine Ertaubung hat meinen Lieben viel Schmerz und Sorgen bereitet“, weiß Konstantin Kehayov. Die Ärzt:innen empfahlen Cochlea-Implantate. Nach Meningitis besteht aber die Gefahr, dass das Innenohr verknöchert. Das würde eine Implantation erschweren oder sogar verhindern. Deswegen rieten die Fachleute zur Eile und auch gleich zur beidseitigen Implantation.
In Bulgarien war das damals noch nicht möglich, daher wandte sich die Familie an die Universitätsklinik Wien. Im Juli 2008 setzte Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner dem damals kleinen Jungen aus Sofia in einer einzigen Operation zwei Cochlea-Implantate. „Ich wurde einmal geboren wie alle Menschen. Das zweite Mal wurde ich geboren, als ich aus dem Koma erwachte und mit den Implantaten wieder hören konnte.“ Rückblickend beschreibt der junge Mann das Leben mit seinen Implantaten als „unvorhersehbare Reise“, die ihn Ausdauer, Widerstandsfähigkeit, Zuversicht und Entschlossenheit lehrte. Nun hat er ein weiteres, spannendes Kapitel diese Reise aufgeschlagen: ein Auslandsstudium in Spanien.
Hören lernen mit Cochlea-Implantat – lernen mit Cochlea-Implantat
„Als ich ein Jahr und neun Monate alt war, wurden meine CI-System erstmals aktiviert“, erzählt Konstantin. „Ich selbst erinnere mich kaum daran. Meine Mutter sagt, dass ich ruhig und entspannt wurde, sobald ich mit den CIs die ersten Geräusche wahrnehmen konnte.“ Seine Mutter Maria Kehayova spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Rehabilitation. Sie sammelte Informationen aus aller Welt, wie man das Hören fördern kann, und sie arbeitete unermüdlich mit ihrem Sohn.
„Auch Petar war immer an meiner Seite“, zeigt Konstantin sich dankbar für die „diskrete“ Hilfe durch seinen Bruder: „Immer, wenn ich etwas nicht hörte oder wichtige Informationen verpasst habe. Mein heutiges Selbstvertrauen verdanke ich zum Großteil ihm.“ Todor Abadzhiev – vom bulgarischen MED-EL-Vertreter Centillion – unterstützte die Familie in technischen Belangen und justierte die Audioprozessoren.
„Dank der präzisen Einstellung meiner Prozessoren und des kontinuierlichen Trainings zu Hause konnte ich den regulären Kindergarten und eine Regelschule besuchen“, erzählt Konstantin. Und das ohne sonderpädagogische Unterstützung oder technische Hilfsmittel, abgesehen von den CIs selbst. „Natürlich war es nicht immer einfach“, gibt er zu. „Aber meine Familie hat mich immer großartig unterstützt. Und auch der CI-Techniker war immer für mich da, wenn ich Hilfe brauchte.“ Nur Stimmen aus dem Fernsehen oder vom Computer lauscht der erfahrene CI-Nutzer immer noch nicht gern. Er schmunzelt: „Ich kommuniziere am liebsten direkt mit Menschen – nicht mit Maschinen.“
Verliebt ins Spanische
Wie die meisten bulgarischen Schüler:innen erlernte Konstantin ab der ersten Schulstufe eine erste Fremdsprache: damals Englisch. Seine Leidenschaft für Sprachen entflammte aber eher unerwartet während einer Familienreise nach Barcelona: „Ich war damals in der fünften Schulstufe. Ich hörte zum ersten Mal Spanisch und verliebte mich sofort in die Sprache und in die zugehörige Kultur und Lebensart.“ Während all seine Freunde Englisch und Deutsch als Fremdsprachen wählten, folgte Konstantin seinem eigenen Weg. „Aussprache, Grammatik und Satzbau im Spanischem liegen mir besser.“
Der Schüler wechselte auf ein Gymnasium, an dem er Spanisch lernen konnte; später erlernte er zusätzlich Portugiesisch. Langsam nahm ein Traum Gestalt an: Eines Tages wollte er in Spanien leben und studieren. Dafür waren aber harte Arbeit und hervorragende schulische Leistungen nötig: Die Studienplätze an spanischen Universitäten sind heiß umkämpft. Er hat es geschafft!
Auslandsstudent: „Eine faszinierende Sprache mit einer Vielfalt an Dialekten“
Jetzt studiert Konstantin Kehayov Internationale Beziehungen an der Fakultät für Politik- und Sozialwissenschaften der Complutense-University in Madrid. „Die Vortragenden unterrichten ausschließlich auf Spanisch“, erklärt er. „Die Studierenden kommen aus aller Welt.“ Die spanische Sprache ist besonders herausfordernd: das berühmte gerollte „r“, das einzigartige „ñ“. Der Satzbau ist komplexer als beispielsweise im Englischen. Oft wird das Substantiv, der Satzgegenstand, nicht explizit genannt: Es erschließt sich nur aus der Beugung des Zeitworts, die aber oft unregelmäßig erfolgt und daher auswendig gelernt werden muss.
Hinzu kommt die enorme Vielfalt spanischer Dialekte: Spanisch ist nach Mandarin die zweithäufigste Muttersprache der Welt, jedoch mit großen regionalen Unterschieden. Spanien selbst besteht aus 17 autonomen Regionen, deren Bevölkerung das Spanisch nicht nur unterschiedlich aussprechen, sondern auch verschiedene Begriffe verwenden und sprachliche Eigenheiten pflegen. „Manche Dialekte klingen wie eine andere Sprache“, erklärt Konstantin. Deswegen bewarb er sich an der Universität in Madrid, wo man „Castellano“ spricht, eine Art Standard-Spanisch, das man im Deutschen vielleicht mit Hochdeutsch vergleichen könnte. Trotzdem bringen einige seiner internationalen Mitstudierenden die sprachlichen Einflüsse ihrer Herkunftsregion mit: aus ganz Spanien, aber auch aus Lateinamerika und anderen spanischsprachigen Ländern.
Umgang mit Hör- und Sprachschwierigkeiten
Die ersten Monate waren anstrengend. „Es hat mich viel Konzentration und Aufmerksamkeit gekostet, mich auf die Feinheiten der Sprache einzustellen“, erinnert sich Konstantin. Bald sollte er auch vor seinen Professor:innen und den anderen Studierenden vortragen. „Als mir die Professoren zum ersten Mal nach einer Präsentation applaudierten und mir gratulierten, fühlte sich das an, als hätte ich einen Hauptpreis gewonnen.“
Mit seiner Hörbehinderung ging der Auslandsstudent von Anfang an offen um: „Ich habe alle meine Lehrkräfte und Studienkolleg:innen über meine Höreinschränkung informiert und um Geduld gebeten, falls ich etwas falsch verstehe.“
Sein Rat für CI-Nutzer:innen im Ausland: „Konzentriert euch auf das Gespräch. Fragt sofort nach, wenn ihr unsicher seid. Und versucht, störende Nebengeräusche auszublenden.“ Ebenso wichtig sei aber Erholung: „Ein paar ruhige Stunden am Abend, ohne die Geräte. Und ausreichend Schlaf!“
Ein Leben mit CI – aber ohne Grenzen
In ein anderes Land zu ziehen – weit weg von Familie und Freunden – ist für junge Menschen eine Herausforderung. Mit einer Höreinschränkung kann das noch schwieriger sein. „Natürlich hatte ich Ängste und war unsicher. Ich habe gezweifelt, ob ich in einem fremden Land allein zurechtkommen würde“, gibt Konstantin zu. „Aber mit der Zeit wurde alles leichter.“
„Mir ist wichtig, dass meine Prozessoren immer technisch einwandfrei funktionieren. Das sind schließlich meine Ohren!“ Kurz nach seiner Ankunft in Madrid besuchte der CI-Nutzer daher die lokale Niederlassung von MED-EL, dem Hersteller seiner Cochlea-Implantate. Mit dem dortigen Team vereinbarte er, wie er bei Bedarf am schnellsten Hilfe erhalten könnte.
Spanien bietet umfassende soziale Unterstützung und Vergünstigungen für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen und auch spezielle Unterstützungen für Studierende mit Behinderung. Voraussetzung dafür ist ein offizielles Behindertenzertifikat, ausgestellt vom Medizinischen Komitee der Autonomen Region – in diesem Fall der Stadt Madrid. „Das ist leider ein langwieriges Prozedere“, seufzt Konstantin. „Es ist viel Bürokratie nötig und es kam zu zahlreichen Missverständnissen. Hoffentlich kann ich das mit Unterstützung der bulgarischen Botschaft nächstes Jahr abschließen!“ Mittlerweile meistert er die meisten Herausforderungen aber auch selbständig.
„Im Alltag sind die meisten Menschen sehr aufgeschlossen“, beschreibt Konstantin die Bevölkerung in Madrid. Viele würden seine CIs gar nicht bemerken. Einige – auch einige Professor:innen – hatten noch nie zuvor mit hörbeeinträchtigten Menschen zu tun: „Wenn ich ihnen erkläre, dass ich taub bin und mit Implantaten höre, zeigen die Leute meist Verständnis“, erzählt er. „Wenn sie mich dann aber deutlich sprechen hören, vergessen sie oft wieder auf meine Hörprobleme.“ – und auf die erbetene Rücksicht. Konstantin hält sich daher lieber an seine eigenen Strategien, wie er an Gesprächen, Vorlesungen und Geselligkeiten gut teilhaben kann.
„Das Leben mit Cochlea-Implantaten ist schön!“
„Auf den ersten Blick mag Madrid chaotisch wirken – aber hinter dieser Fassade verbirgt sich eine typisch spanische Ordnung.“ Die multikulturelle Atmosphäre der Stadt hat den Auslandsaufenthalt des bulgarischen CI-Nutzers unerwartet zum Tauchbad in einen zuvor ungeahnten Lebensstil werden lassen. „Die Spanier schätzen zum Beispiel ihre Siesta und das gemeinsame Mittagessen mit der Familie sehr“, sagt er. „Egal, wie stressig der Tag ist, sie nehmen sich Zeit zum Ausruhen und um Zeit mit ihren Lieben zu verbringen.“ Auch Madrid als Stadt fasziniert ihn: „Bis spät abends sieht man in der Innenstadt Gruppen, die singen und tanzen. Fast jedes Wochenende wird das Fest irgendeines Heiligen gefeiert.“
Die Herausforderungen für CI-Nutzer:innen sind aber überall gleich: „Wir müssen Verständnis einfordern und gleichzeitig über uns hinauswachsen. Es geht um Geduld im Gespräch und um die Einbindung in die Gesellschaft.“ Seine Botschaft an andere CI-Nutzer:innen: „Glaubt an euch! Dann erscheinen die Anstrengungen nicht so schwer und die Herausforderungen geben mehr, als sie uns abringen.“
Heute lebt Konstantin Kehayov, der als kleiner Bub taub aus dem Koma erwachte, als lebensfroher Student in einer der pulsierendsten Hauptstädte Europas. „Meine Cochlea-Implantate ermöglichen mir Kontakte zu knüpfen, zu lernen, zu kommunizieren und wirklich dazuzugehören“, sagt er. Dann fügt er auf Spanisch hinzu: „¡La vida con los implantes cocleares tiene una pinta muy bonita!“ – Das Leben mit Cochlea-Implantaten ist schön!

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