Warum eine CI-Nutzerin auch nachts hören möchte

Die meisten Menschen sind dankbar, wenn es beim Schlafen still um sie wird. Nicht so die Niederösterreicherin Monika Rohrleitner, jedenfalls zurzeit nicht...

©Eva Kohl

Ein Dienstag-Nachmittag im Mai. Im Freien wärmen frühsommerliche Temperaturen die Luft, auf Ebene 8J am Wiener AKH durchflutet die jahreszeitlose Brise der Klimaanlage die Gänge. Medizintechniker Bashar Hindo wartet auf Patient:innen mit Cochlea-Implantaten, kurz: CI, um deren Audioprozessoren an ihre individuellen Bedürfnisse anzupassen. Der Ablauf ist klar strukturiert: Den Prozessor ans Interface anstecken, den technischen Systemcheck durchführen und die Daten über die Nutzung. Dann bespricht der Techniker mit Patient:in und Logopäd:in, was an der Einstellung zu ändern wäre.  

Heute ist auch Monika Rohrleitner gekommen. Die erfahrene CI-Nutzerin hat einige Wochen zuvor einen neuen Prozessor bekommen. Jetzt ist eine Kontrolle geplant und der CI-Techniker soll die Einstellung feinabstimmen. Bashar Hindo steckt den Prozessor an, wirft einen Blick auf den Bildschirm – dann stockt er überrascht: „Durchschnittliche Nutzungszeit 23,4 Stunden pro Tag.“  

„Ich kenne einige Kinder, die das Gerät auch beim Einschlafen tragen, aber bei Erwachsenen habe ich das bisher noch nicht gesehen“, so der Klinische Techniker. Erwachsene hören meist zwischen 12 und 15 Stunden täglich mit ihren CIs, manche sogar 17 Stunden. Die Mittsechzigerin aus Niederösterreich aber hat guten Grund, ihr Hörsystem rund um die Uhr zu nutzen.  

Monika Rohrleitner möchte zu keiner Tageszeit aufs Hören verzichten. ©Eva Kohl

„Ich dachte, das würde sich schon geben…“ 

Monika Rohrleitner hört schon seit rund 15 Jahren mittels Cochlea-Implantat. Damals – im Alter von 50 Jahren – verlor sie das Hörvermögen am linken Ohr. Plötzlich. Von einem Tag auf den anderen. „Das ist, als ob du ein Aug zumachst. Auch wenn es nur eines ist: Das fehlt dir!“, versucht sie ein Bild zu finden, mit dem sie einseitige Taubheit verständlich machen kann. Durch einseitige Taubheit gehen die sogenannten binauralen Funktionen verloren: allen voran Richtungshören und Sprachverstehen im Störschall. Doch auch in ruhiger Umgebung fehlt ein Teil der akustischen Information: „Wenn mein Mann links neben mir gesessen ist, auf der tauben Seite, habe ich ihn kaum verstanden.“  

„Erst dachte ich, das würde sich schon wieder geben“, seufzt sie. Nach zwei Wochen wurde die Niederösterreicherin dann doch am AKH Wien vorstellig. Die Diagnose: Hörsturz – eine plötzliche, meist einseitige Hörminderung ohne erkennbare Ursache. Von 100.000 Personen sind zwischen 5 und 27 von diesem Phänomen betroffen, mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit: bei 65-Jährigen schon auf das Dreifache. Bei rund der Hälfte aller Betroffenen erholt sich das Hörvermögen spontan – ohne Therapie. Deswegen wartet man meist 48 Stunden nach Auftreten des Hörsturzes ab; dann allerdings erhöht der baldige Beginn einer Therapie deren Erfolgschancen.  

Mit Entschlossenheit und Optimismus 

Bei Monika Rohrleitner konnten auch die Ärzte das Hörvermögen nicht mehr zurückholen. Deswegen riet Prof. Dr. Wolf-Dieter Baumgartner ihr zu einem Cochlea-Implantat. „Ich bin grundsätzlich ein positiv eingestellter Mensch“, erzählt sie, warum sie sofort zustimmte. „Und schlechter konnte es ja nicht mehr werden.“ 

„Auf der anderen Seite habe ich damals noch normal gehört. Ich wusste daher immer, wie etwas klingen müsste“, vermutet die CI-Nutzerin, warum sie beim Feinabstimmen der Prozessoreinstellung von Anfang an gut erklären konnte, wie das Klangbild des Hörsystems adaptiert werden soll. Als sie sechs Jahre später auch am rechten Ohr einen Hörsturz hatte, war sie am linken Ohr längst erfolgreiche und zufriedene CI-Nutzerin. Daher war die Entscheidung fürs zweite CI für sie einfach. „Nur in größeren Lokalen, wenn es dort hallt und viele Leute sind, habe ich noch ein bisschen Probleme zu verstehen“, sonst ist die Pensionistin mit ihren beiden CIs rundum zufrieden. 

Alles ihrem Sammy zuliebe 

In den ersten Jahren hat die Niederösterreicherin ihre Audioprozessoren abends abgenommen und abgedreht – wie die meisten CI-Nutzer:innen. Erst als ihr Enkelsohn erstmals über Nacht blieb, ließ die begeisterte Oma zumindest einen Audioprozessor auch beim Schlafen an: „Damit ich höre, wenn er in der Nacht aufwacht – wie das halt so ist bei kleinen Kindern.“ Wenn das Enkerl nicht zu Besuch war, verzichtete sie weiterhin auf nächtliches Hören.  

Doch dann kam Sammy. Sammy ist ein Goldendoodle – mehr Teddybär als Hund. Mit Hängeohren, goldgelben Locken und treuherzigem Blick. Diese sogenannte Hybrid- oder Designerrasse entstand in den 1980er-Jahren: Man wollte einen Blindenhund für Allergiker heranziehen und verpaarte dazu einen Golden Retriever mit einem Pudel. Heute gilt die Kreuzung auch als familienfreundlicher Begleithund.

Als Sammy letzten Oktober bei Monika Rohrleitner einzog, war er noch ganz klein. Erst mit vier bis sechs Monaten schlafen Welpen nachts durch. In den ersten Wochen müssen sie noch alle zwei bis drei Stunden hinaus, um ihre Blase zu entleeren. Deswegen bekam Sammy ein Hundebett im Schlafzimmer. „Wenn er in der Nacht aufsteht und herumgeht, dann höre ich das. Dann gehe ich gleich mit ihm hinunter“, erklärt seine Besitzerin. Das geht nur mit aktivem CI. „So ist er sehr schnell sauber geworden und braucht mich jetzt nur noch selten.“ 

Goldendoodle Sammy sorgt für Hören rund um die Uhr. ©Monika Rohrleitner

Jeder Audioprozessor hat andere Vorteile 

Die Niederösterreicherin nutzt unterschiedliche Audioprozessoren auf beiden Seiten. Für rechts hat sie sich für den RONDO 3 entschieden, weil der über dem Implantat sitzt, tief versteckt im Haar. Das Ohr bleibt frei – praktisch für Brillenträger:innen. „Und es ist angenehm, wenn ich die Haare zurücknehmen möchte“. Sie demonstriert das und streift auf beiden Seiten ihr kurzes Haar hinter die Ohren. Ihre Prozessoren bleiben gut verdeckt, beide.   

Der SONNET 3 am anderen Ohr ist nämlich noch flacher und verschwindet durch seine sichelförmige Gestalt hinter der Ohrmuschel – bis auf die Sendespule: „Die ist aber auch ganz dünn. Und der Ohrhaken ist aus einem weichen Material – den kann man leicht ans Ohr anpassen. Damit sitzt der Prozessor nach der Nacht noch genauso fest am Ohr wie während des Tages.“ Auch deswegen übernimmt der SONNET 3 bei Monika Rohrleitner immer die „Nachtschicht“.  

Tagsüber trägt die bilaterale CI-Nutzerin beide Audioprozessoren. Am Abend legt sie den RONDO 3 dann auf die induktive Ladestation, um den eingebauten Akku zu laden. Der SONNET 3 kann mit Hörgerätebatterien arbeiten, doch Monika Rohrleitner verwendet ihn mit dem neuen Powerakku. „Wenn ich in einem Konzert bin, hält der sogar bis Zwei in der Früh!“ Vor dem Schlafengehen wechselt sie auf den kleinen Akku, während der große Akku sich in der Ladestation auf den nächsten Tag vorbereitet. 

Bald wird wieder Nachtruhe einkehren – vielleicht… 

Monika Rohrleitner braucht keine „Hörpausen“ zum Entspannen, keine langwierigen Reinigungs- oder Trockenarbeiten, keine Nachtruhe. Sogar beim Schwimmen will die Pensionistin hören. „Ich schwimm‘ ja nicht mit dem Kopf unter Wasser“, hat sie keine Bedenken, ihre Audioprozessoren im Akku-Betrieb dabei zu nutzen. Nur beim Duschen, beim Haare waschen und beim Friseur verzichtet sie kurz aufs Hören – dort allerdings mit Bedauern: „Ohne CI kann ich ja nicht plaudern.“ 

Bald wird Goldendoodle Sammy den ersten Geburtstag feiern. Ab dann wird seine Besitzerin in der Nacht vielleicht wieder aufs Hören verzichten: „Weil Sammy mich nachts dann nicht mehr brauchen wird.“ Der Audioprozessor sei ihr beim Liegen doch etwas unbequem, die Gefahr ihn abzustreifen ist nicht ganz auszuschließen – und schließlich habe sie ihre CI-Audioprozessoren früher ja auch zum Schlafen abgelegt. Nur jetzt, verwitwet und beidseits ertaubt: „Wenn ich mein CI nicht angedreht habe, dann höre ich ja auch nicht, wenn der Hund meldet…“, lässt sie sich die endgültige Entscheidung vorerst noch offen.

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