Erfahrungen im internationalen Schulalltag

Wenn Fremd- zu Zweitsprachen werden und Mehrsprachigkeit selbstverständlich ist: Die Eltern Lenardt sind stolz, wie brillant ihre Kinder den gemeinsamen Auslandsaufenthalt meistern – auch mit Cochlea-Implantaten. 

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Wie viele Koffer braucht eine fünfköpfige Familie für eine Reise? Was nimmt man mit, wenn der Aufenthalt gleich vier Jahre dauern soll? Für Anna-Maria Lenardt war klar: „Ganz viele CI-Ersatzteile!“  

Die Familie übersiedelte im Sommer 2023 aus beruflichen Gründen vorübergehend von Baden bei Wien nach Brüssel. Mit dabei Zwillingspaar Emma und Gerwig, ihr vier Jahre jüngerer Bruder Arthur – und die Zuversicht, dass dank ihrer Cochlea-Implantate, kurz: CI, auch Emma und Arthur überall auf der Welt ihren Weg gehen werden. 

Die Zwillinge Emma und Gerwig kamen sieben Wochen zu früh zur Welt. Noch auf der Neonatologie erfolgte der erste Hörtest. Bei Gerwig war alles unauffällig, bei Emma hieß es: „Den machen wir in zwei Wochen nochmals, dann passt der sicher auch.“  

Doch auch mehrere Wiederholungen änderten nichts. Eine BERA-Untersuchung – ein objektiver Hörtest, der die Signale von Hörnerv und Gehirn misst – brachte dann Gewissheit: Emma hatte auf einem Ohr geringe Hörreste, am anderen war sie taub.  

„Emma sollte zwei gute Ohren haben!“ 

„Im ersten Augenblick hat es uns schon den Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich Anna-Maria Lenardt an den Moment der Diagnose. An der Universitätsklinik St. Pölten lernten die jungen Eltern aber die Möglichkeit der Cochlea-Implantation kennen: „Und dass die Kliniker damit gute Erfahrungen haben.“  

Die Entscheidung zur Implantation trafen sie rasch: „Uns war ja klar: Entweder implantieren oder Emma wird an der hörenden Welt nicht teilnehmen können.“ Im Alter von zehn Monaten bekam Emma ihr erstes CI. Später zeigte sich, dass das Resthörvermögen am anderen Ohr auch nicht ausreichte: Emma bekam ein zweites CI. 

Einmal pro Woche kam eine Frühförderin zu den Lenardts. Sie brachte Spielzeug mit, das verschiedene Geräusche machte – und förderte damit spielerisch die Hörentwicklung der kleinen Emma. „Von ihr hab´ ich mir viel abgeschaut“, erzählt Anna-Maria Lenardt. „Sonst haben wir einfach alles auf uns zukommen lassen.“  

Unbeschwerte Kindheit mit „keinen Extras!“

Emma erinnert sich: „Mama und Papa haben viel mit mir gelesen und Tiergeräusche mit mir geübt.“ ©privat

Emma entwickelte sich gut. Sie besuchte gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder den Regelkindergarten, als der vier Jahre jüngere Arthur geboren wurde. Die Geschichte wiederholte sich: Auch er kam ohne Hörvermögen zur Welt. Doch bei ihm ging alles schneller: „Arthur wurde schon mit acht Monaten beidseits implantiert.“ 

Wieder begleitete die Frühförderin die Familie. Darüber hinaus beschränkten sich die Termine auf die jährlichen Kontrollen der Hör- und Sprachentwicklung sowie auf technisches Service. Die Eltern wollten allen drei Kindern eine möglichst normale Kindheit bereiten.  

Für Emma bedeutete das auch den Besuch der örtlichen Regelvolksschule. „Meine Eltern haben immer geschaut, dass ich normal behandelt werde“, erzählt das Mädchen heute. „Keine Extras wegen meiner Hörgeräte.“ Soweit es eine normale Schulzeit während der Corona-Pandemie geben konnte: „In der zweiten Klasse habe ich fast nur zuhause gelernt.“ Rückblickend sieht die Schülerin darin sogar einen Vorteil: „Da waren keine anderen Kinder, die laut waren. Ich konnte ungestört lernen.“  

Erst im letzten Volksschuljahr hatte Emma durchgehend Präsenzunterricht. Kaum war wieder Alltag eingekehrt, begann das nächste Abenteuer: der Umzug nach Belgien. 

Grenzenloser Service fürs CI 

„Wir haben viele Ersatzteile mitgenommen. MED-EL hat uns dabei sehr unterstützt“, erzählt Anna-Maria Lenardt. Belgische CI-Nutzer:innen gehen zur Nachbetreuung – auch für Service und Reparaturen – an ihre CI-Klinik. Emma und Arthur wurden aber in Österreich implantiert, die Familie ist auch weiterhin in Österreich krankenversichert. Deswegen kommen sie bei jedem Heimaturlaub zum Geräteservice zu MED-EL Wien.  

Als trotzdem in Belgien ein Audioprozessor kaputtging, schickte das Wiener MED-EL Team den Ersatz postalisch. „Am nächsten Tag war er bei uns“, lobt Frau Lenardt. Dann winkt sie ab: „Mit dem belgischen Gesundheitssystem haben ich bezüglich Cochlea-Implantate keinerlei Erfahrungen.“ 

Treffpunkt der Welt im Herzen Europas 

Belgien hat drei Amtssprachen: neben Französisch und Niederländisch auch Deutsch. Zu den anerkannten Minderheitensprachen gehören Luxemburgisch und Platdiets, also: Plattdeutsch. Über ein Drittel der belgischen Bevölkerung hat Migrationshintergrund, im Vergleich zu Österreich mit 28,2 Prozent.  

Die Region Brüssel ist besonders international: Die Hauptstadt ist Sitz der belgischen Königsfamilie und der belgischen Regierung, sowie Hauptsitz der Europäischen Union, Sitz der NATO, des ständigen Sekretariats der Benelux-Staaten und der Luftfahrtbehörde EUROCONTROL. Gesprochen wird hier vorwiegend Französisch und Niederländisch.  

Emma, Gerwig und Arthur besuchen die Internationale Deutsche Schule Brüssel im Deutschen Viertel von Wezembeek-Oppem, einer Kleinstadt nahe Brüssel. Dort fand Familie Lenardt ihr „Zuhause auf Zeit“. Trotzdem stießen die Geschwister anfangs auf Sprachbarrieren: „Wenn wir in einen Sportverein wollten, sprachen dort trotzdem alle auf Französisch oder Niederländisch“, erzählt Emma. „Da haben wir nichts verstanden.“ 

Für Emma und ihren Bruder Arthur haben die Cochlea-Implantate Türen in neue Sprachwelten geöffnet. ©privat

„Sprachenlernen macht mir einfach Spaß!“ 

Im September 2023 begann für Arthur an der Grundschule der Deutschen Schule der sprichwörtliche Ernst des Lebens, die Zwillinge wechselten ans dortige Gymnasium: „Ich habe Klassenkamerad:innen aus Spanien, Tschechien, Dänemark, Belgien und Deutschland“, erzählt Emma. „Alle können gut Deutsch: Manche haben einen Elternteil, der Deutsch sprichst. Andere sind in einem Land aufgewachsen, wo man Deutsch spricht.“  

Die Schule orientiert sich am deutschen Schulsystem mit einem Sprachenschwerpunkt. „Englisch ist immer gut; und in Belgien muss man einfach Französisch können“, erklärt Emma stolz. Arthur wählte als erste Fremdsprache Französisch. „Das funktioniert tadellos“, erzählt seine Mutter. „Er hat vier Wochenstunden, jetzt schon Vokabeltests und erste Grammatik – und es macht ihm riesigen Spaß.“ 

Emma muss – wie alle Gymnasiast:innen – seit der ersten Klasse beide Sprachen lernen. Außerhalb des Unterrichts – zum Beispiel im Taekwondo-Verein mit nicht-deutschsprachigen Jugendlichen – weicht sie zwar noch lieber auf Englisch aus: „Das ist einfacher.“ Zeigt sich aber begeistert: „Wir haben mehr Sprachunterricht als Mathematik!“ Jeweils fünf Wochenstunden sind es pro Sprache – für Mathematik bleiben vier Stunden.  

Ab der vierten Klasse Gymnasium wählen die Schüler:innen zwischen Naturwissenschaften und einer weiteren Fremdsprache. „In meinem Freundeskreis bin ich die Einzige, die Spanisch gewählt hat“, lacht die junge CI-Nutzerin. „Sprachenlernen macht mir einfach Spaß! Es ist auch einfacher, Vokabel zu lernen, als Biologie durchzunehmen.“ Würde sie bis zum Abitur an der Schule bleiben, könnte sie später nochmals wählen: zwischen Sport und Niederländisch.  

„Ich will normal bewertet werden, wie alle anderen auch!“ 

“ Hörverständnisübungen – vulgo: Hörübungen – im Fremdsprachenunterricht stehen hörbeeinträchtigte Schüler:innen vor besonderen Herausforderungen. Für Emma eine Selbstverständlichkeit: „Das muss man genauso lernen wie Vokabeln!“ Dann räumt sie ein: „Die Hörübungen sind für mich schwieriger als Grammatik oder Vokabeln, aber sie gehören dazu und alle anderen müssen sie auch machen. Ich bin sicher nicht die Einzige, die beim Hörverstehen Schwierigkeiten hat.“ 

Würde das Hörsprachverstehen nicht bewertet, müsste die Schule das im Zeugnis vermerken, was die Eltern unbedingt vermeiden möchten. Gemeinsam mit der Sonderheilpädagogin der Schule fanden sie eine Lösung, die fair und inklusiv ist: „Wenn die anderen zu schreiben beginnen, darf ich mir die Hörübung mit Kopfhörer nochmals anhören“, erklärt Emma und zeigt ihren „Kopfhörer“, den MED-EL AudioLink. „Ich will normal bewertet werden, wie alle anderen auch!“ 

Verlängerte Arbeitszeit darf die Gymnasiastin nicht nutzen, das dürfen nur Schüler:innen mit Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache.  

„Arthur hat sein eigenes Lernbüro!“ 

Eine andere Herausforderung für Emma und Arthur ist der manchmal hohe Lärmpegel im Klassenraum. „Wenn etwas passiert ist, was die Klasse beschäftigt“, vermutet Mutter Lenardt. Tochter Emma schmunzelt: „Oder wenn der Unterricht besonders staubtrocken ist.“  

Emma dürfte dann die Audioprozessoren abnehmen: „Aber das checkt keiner, wenn ich die unten hab.“  Ein Erlebnis diesbezüglich hat sie geprägt: Während sie ohne Audioprozessoren in einem Buch las, sprach ein Lehrer sie an. Als sie nicht reagierte, glaubte er, sie würde ihn absichtlich ignorieren. „Der war voll empört.“ Deswegen ist sie froh, dass sie, wenn es laut wird, vor der Klassentür weiterarbeiten darf. Bei Gruppenarbeiten darf ihre Arbeitsgruppe mitkommen. 

„Arthur hat sogar sein eigenes Lernbüro“, erzählt seine Mutter. Ein Raum, wo er seine Arbeitsblätter in Ruhe fertig machen kann. „Wenn in der Klasse ein neues Thema beginnt, wird er wieder zurückgeholt.“ 

„Und nichts verstecken!“ 

Welchen Rat Anna-Maria Lenardt anderen Eltern von CI-Kindern geben würde, muss sie nicht lange überlegen: „Einfach ´mal alles auf sich zukommen lassen – und für Reisen genug Ersatzteile einpacken!“ Tochter Emma ergänzt: „Und das CI nicht verstecken!“  

Vielleicht ist das auch eines der Erfolgsgeheimnisse der Gymnasiastin: Durch den Umzug und jetzt an der Internationalen Schule wechseln Lehrkräfte, Mitschüler:innen und Bekannte nämlich ständig. „Arthur hatte zwar einige Zeit einen Schulkollegen mit einem ADHEAR-Hörsystem“, erzählt seine Mutter. Doch für die meisten Lehrkräfte und Mitschüler:innen sind die Bedürfnisse von Menschen mit Höreinschränkungen neu. „Viele Lehrer sind am Anfang ein bisschen verwirrt“, schmunzelt Emma. „Aber ich erklär jedem gleich, dass ich Hörgeräte habe.“ Sie trägt ihren RONDO 3 selbstbewusst und mit wechselnden Design-Abdeckungen: „Viele fragen sogar, ob das Schmuck ist.“  

Emmas voraussichtlich letztes Schuljahr in Brüssel ist gerade angebrochen. Ursprünglich war sie von diesem Auslandsabenteuer wenig begeistert: „Jetzt würde ich doch gerne noch länger bleiben.“ Emma und ihre Geschwister haben aus der Herausforderung ungeahnte Talente und Fähigkeiten entwickelt. Ihre Cochlea-Implantate haben sie dabei nicht begrenzt, im Gegenteil: Sie haben Türen in neue Sprachwelten geöffnet. 

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