Könnte ein valides Hörscreening Teil der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung werden?

Eine Studie an der Medizinischen Universität Innsbruck untersucht die Relevanz und geeignete Diagnostik für ein Hörscreening für Erwachsene. gehört.gelesen sprach darüber mit Priv.-Doz. Mag. Dr. Josef Seebacher, Leiter der wissenschaftlichen Audiologie und des Bereichs Hörimplantate an der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen. 

Im Rahmen der Studie wurden auch OAE-Messungen im Akustikraum durchgeführt. ©Univ.-Klinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen/Medizinische Universität Innsbruck

Seit Mai 2025 wird unter der Führung der Universitätsklinik für Neurologie eine große Studie zur Schlaganfallprävention durchgeführt. Von über 1.000 TeilnehmerInnen wurde eine große Zahl an Gesundheitsparametern erfasst.  

Für die Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen, welche eine von vielen KooperationspartnerInnen des Projektes ist, war das eine Gelegenheit:

  • bei einer großen Stichprobe zu erforschen, wie gut die Tiroler Bevölkerung hört und 
  • verschiedene Methoden für ein Hörscreening für Erwachsene zu testen, die mit geringem Zeitaufwand zum Beispiel auch beim Allgemeinmediziner bzw. der Allgemeinmedizinerin durchführbar wären und trotzdem aussagekräftige Ergebnisse liefern. 

Die Datenaufnahme der Studie hat von Anfang Mai 2025 bis Ende Mai 2026 gedauert, jetzt werden die Daten ausgewertet.  

Wozu braucht es ein Hörscreening: einen Hörtest, dem sich auch Erwachsene ohne Hörprobleme unterziehen sollten? 

Wir haben einen tollen Mustererkenner, unser Gehirn, welches eine Hörstörung lange Zeit teilweise kompensieren kann. Erst wenn das irgendwann nicht mehr geht, schlagen die Leute beim HNO-Arzt oder in der Klinik auf. Bis dahin haben sie aber meist schon länger schlecht gehört.  

Ziel wäre es, eine Hörstörung früh zu erkennen: Dann sind bessere Erfolge durch eine Versorgung mit einer Hörhilfe viel wahrscheinlicher, als wenn man zehn oder zwanzig Jahre lang abwartet.  

Was sagt die Studie: Wie steht es um das Hörvermögen der Tiroler Bevölkerung?  

Wir sind mit der Auswertung erst am Anfang. Es scheint, dass viele Patient:innen mit auffälligem Ergebnis beim Hörscreening auch schon das Gefühl haben, nicht perfekt zu hören. Aber so, dass sie sich noch keine Sorgen gemacht haben – weil wir bei geringem Hörverlust eben viel kompensieren können. Diese Menschen sollten jedenfalls von Zeit zu Zeit zumindest einen Hörtest machen, um die Entwicklung zu beobachten. 

Wir wissen auch noch nicht, ob es zum Beispiel einen Blutparameter gibt, der mit einer anfänglichen Hörstörung korreliert. Mit künstlicher Intelligenz und moderner Statistik wird es vielleicht möglich, eventuelle Korrelationen zu finden. 

Welche Hörtests wurden bei der Studie für das Screening verwendet? 

Wir haben otoakustische Emissionen, kurz: OAE, gemessen – im Unterschied zum Neugeborenen-Hörscreening aber das frequenzspezifische Distorsionsprodukt-OAE, kurz: DPOAE. Mit einer mathematischen Methode kann man aus den DPOAE Hörschwellen objektiv abschätzen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert in den Richtlinien, dass ein Hörverlust über 35 Dezibel beeinträchtigend ist. Deswegen haben wir vier audiometrisch relevante Frequenzen getestet und es als „auffällig“ gewertet, wenn jemand bei zwei davon mindestens 40 Dezibel Hörverlust hatte.  

Dann haben wir einen Ziffern-Triple-Test gemacht. Dabei werden drei Zahlen vorgesprochen und gleichzeitig wird Störrauschen präsentiert. Der Test misst das Sprachverstehen im Störrauschen – das ist bei den meisten Patient:innen mit Hörstörungen das erste, was schlechter wird. Da gibt es zur Auswertung noch keine Norm, aber die Ergebnisse korrelieren gut mit jenen der OAE: Die meisten Patient:innen, deren Hörschwellen nach DPOAE auffällig waren, hatten im Hochtonbereich einen Hörverlust. Diese Patient:innen schneiden auch beim Ziffern-Triple-Test schlechter ab als jene, die normal hören. Wir müssen jetzt definieren, welchen Grenzwert wir festlegen, damit der Test hohe Spezifität – hohe Treffsicherheit – hat.  

Wir haben auch Fragebögen eingesetzt: Zwei allgemein hörbezogene Fragebögen, zusätzlich einen für Patient:innen, die das Gefühl haben, schlecht zu hören, sowie den MoCA – einen kognitiven Leistungstest. Wir möchten auch auswerten, ob es einen Zusammenhang des Hörens mit kognitiven Verschlechterungen im Alltag gibt. 

Wie könnte ein Hörscreening für Erwachsene in Zukunft dann tatsächlich aussehen?

Priv.-Doz. Mag. Dr. Josef Seebacher leitet die wissenschaftliche Audiologie und den Bereich Hörimplantate an der Universitätsklinik für Hör-, Stimm- und Sprachstörungen und hat auch CIA-Tirol – Club Ohrwurm schon mehrfach mit seinen Vorträgen informiert. © Aniketa Seelos-Prock

Ich glaube, dass das es eine Kombination aus dem Ziffern-Triple-Test und einem guten Fragebogen sein könnte – wenn beides normierbar und valide, also aussagekräftig, ist.  

Der Sprachtest im Störschall hat den Vorteil, sehr robust gegen Kalibrierfehler zu sein: Das Ergebnis ist aussagekräftig, auch wenn ich nur ein Tablet und einen nicht so hochqualitativen Kopfhörer dafür verwende. Deswegen ist dieser Sprachtest im Störschal ein guter Kandidat für ein Screening, weil der technische Aufwand dafür gering wäre. Dazu einen geschickten Fragebogen: Der müsste aber kurz und knackig sein, sonst beantwortet ihn keiner.  

Ich kann mir durchaus eine App am Handy oder am Tablet vorstellen, mit der man mit einem qualitativ halbwegs guten Kopfhörer den Test machen könnte. Er sollte so sensitiv sein, dass er alle Patient:innen mit Hörstörungen findet, aber eben fast niemand ohne Hörstörung als auffällig anzeigt. Wenn das ein einfaches Setting ist, könnte man das vielleicht auch bei der Gesundenuntersuchung machen. Ergebnis: ja, passt – oder: auffällig, weitere Abklärung nötig. 

Aktuell sind bei der Gesundenuntersuchung bei Personen ab 65 eine Frage am Anamnesebogen und der Flüstertest vorgesehen. 

Den Flüstertest muss der Untersucher oder die Untersucherin interpretieren – was eine gewisse Variabilität einbringt. Wenn wir eine standardisierte Methode über eine App auf einem Tablet haben, könnten wir das besser vereinheitlichen. 

Ich würde auch nie Patient:innen fragen: Hören Sie schlecht? Bei uns erstellen die Fragebögen die Psycholog:innen: Damit wollen wir sicherstellen, dass das Richtige abgefragt wird und die Ergebnisse sinnvoll sind.  

Ab welchem Alter wäre ein Hörscreening dann sinnvoll? 

Wir haben auch das noch nicht ausgewertet. Es gab auch einige jüngere Studienteilnehmer:innen mit Auffälligkeiten, aber natürlich war der Anteil bei den Älteren höher. Man könnte natürlich die Empfehlungen der WHO umsetzen und ab 50 Jahren screenen. Mit einem einfachen Test, welcher gleichzeitig wenig kostet, könnte man vielleicht auch öfter testen, zum Beispiel während einer Gesundenuntersuchung. 

Wann könnte so ein Hörscreening für Erwachsene verfügbar werden?   

Unsere Studie ist ein Forschungsprojekt über die Grundlagen zu einem Hörscreening – ohne Anspruch, daraus direkt ein Screeningprogramm zu entwickeln.  

Publikationen zu einzelnen Fragestellungen der Studie würde ich bis nächstes Jahr erwarten: Zum Beispiel darüber, wie das subjektive Empfinden fürs Hören mit den objektiven Hörprüfergebnissen zusammenhängt. Oder zu Alterseffekten. Oder zum Zusammenhang mit kognitiven Leistungsfähigkeiten. 

Wenn die Daten es hergeben, könnten wir zum Beispiel Referenzdaten für den Ziffern-Triple-Test publizieren und Kriterien definieren, ab wann eine Hörstörung vorliegt. Das würde dann schon in Richtung eines anwendbaren Verfahrens gehen. Aber bis zu einem serienmäßig anwendbaren Verfahren fehlen dann immer noch eine Datenbank und ein Interface zu Datenspeicherung und -auswertung. Das muss dann alles auch dem Medizinproduktegesetz und dem Datenschutzgesetz entsprechen, und so weiter. Lacht: Damit möchte ich mich als Audiologe dann nicht unbedingt auseinandersetzen. 

Wir bedanken uns für das Gespräch und freuen uns auf die kommenden Erkenntnisse aus dieser umfangreichen Studie. 

Otoakustische Emissionen  

1978 entdeckte der Brite David Kemp leise Schallaussendungen des Innenohrs, die von den äußeren Haarzellen der Cochlea erzeugt und mit einem besonders empfindlichen Mikrofon im Gehörgang erfasst werden können. Sie treten spontan oder als Antwort auf einen akustischen Reiz auf. Die ersten OAE-Messgeräte für objektive Hörtests kamen 1988 auf den Markt. Als akustischen Reiz verwendet man kurze Klickimpulse bei transitorisch evozierten OAE, einen Sinuston bei der Stimulusfrequenz-OAE oder zwei gleichzeitig dargebotene Sinustöne bei Distorsionsprodukte-OAE.  

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