CochleaImplantate helfen auch bei Morbus Menière

Die Menière-Erkrankung beeinträchtigt neben dem Gleichgewicht auch das Hören. Cochlea-Implantate helfen, die Auswirkungen von Menière zu lindern und wieder gute Lebensqualität zu ermöglichen. 

Eva Kohl und Yi Ge 

©MED-EL

„Mein Mann hat gesagt: Deine Implantate sind echt gut! Weil mit denen hast du gleichzeitig eine Lachtherapie“, schmunzelt Birgit Laux-Flajs. Dabei klang für sie alles eher schrill als heiter: Sie ließ ihre Audioprozessoren völlig neu programmieren. Ein notwendiger Schritt, um wieder gut zu verstehen. Den neuen Klang aber empfand sie anfangs befremdlich-komisch: „schrill und unangenehm, wie Mickey Maus.“ Stimmen verloren ihre Vertrautheit, Geräusche ihre Fülle. Die Welt klang fremd und ungewohnt.  

Die geborene Kölnerin ist Veränderungen beim Hören durchaus gewohnt: „Als ich zwölf war, bin ich aufgewacht und habe nichts mehr gehört“, erinnert sie sich. Was zunächst eine plötzliche, mittelgradige Hörbeeinträchtigung war, verschlechterte sich mit den Jahren weiter. Mit Anfang 40 verstand sie Sprache auch mit einem konventionellen Hörgerät am rechten Ohr nicht mehr. Tiefe Töne hörte sie damals mit freiem Ohr noch gut, auch ohne Verstärkung. Doch die hohen Klanganteile, die für Sprachverstehen wesentlich sind, fehlten völlig. Der erfahrene CI-Chirurg Primar Dr. Thomas Keintzel riet ihr zu einem Hörimplantat: Da das Hörvermögen für tiefe Frequenzen stabil war, empfahl er ein EAS-System.  

„Das hybride Implantat hat mir Welten eröffnet!“  

Ein EAS-System – Elektrisch-Akustische Stimulation – kombiniert zwei Welten: Das Implantat stimuliert die hohen Töne durch elektrische Pulse, während das System für tiefe Töne das verfügbare akustische Hörvermögen des/der NutzerIn nützt. Damit die anatomische Struktur für das Hören der tiefen Töne bestmöglich geschont wird, ist die EAS-Elektrode kürzer als die Elektrode bei klassischen Cochlea-Implantaten. Sie deckt exakt jenen Teil in der Hörschnecke ab, der die hohen Töne repräsentiert – und lässt jenen Bereich unberührt, in dem die tiefen Töne gehört werden.  

„Anfangs hat sich das Implantat etwas ungewohnt angehört, aber das hat sich rasch gegeben“, erinnert sich die Wahlösterreicherin. Was blieb, ist die Erleichterung: „Das Implantat hat mir Welten eröffnet!“ Als sie wenig später auch am linken Ohr das Hörvermögen für hohe Töne vollständig verlor, war die Entscheidung zu einem zweiten EAS-System daher schnell getroffen. Über 15 Jahre lang waren ihr die EAS-Systeme – erst rechts, dann beidseits – zuverlässige Partner im Alltag: für stabiles Hörvermögen, gutes Sprachverstehen und ein Klangbild, das sich fast natürlich anfühlt. Bis sie irgendwann das Gefühl beschlich, doch nicht mehr so gut zu verstehen. 

„Dass ich auch die tiefen Töne höre, bringt mir sehr viel!“

Das Lebensmotto von Birgit Laux-Flajs lautet: „Man muss nicht das Licht des anderen ausblasen, um selbst glänzen zu können, sondern helfen, es anzuzünden: Dann strahlt man gemeinsam in vollem Glanz.“ ©privat

Vor gut einem Jahr war Birgit Laux-Flajs wieder beim routinemäßigen Hörtest. Die Ergebnisse bestätigten, was die erfahrene Implantat-Nutzerin schon vermutete: Ihr Resthörvermögen war zwar bei der Implantation und in den ersten Jahren beinahe unverändert geblieben, doch vor einem Jahr hatte sie im Tieftonbereich deutlich an Hörvermögen verloren. Wie bei nicht-implantierten Personen kann es auch bei EAS-NutzerInnen – unabhängig vom Implantat – zur weiteren Reduktion des noch vorhandenen Hörvermögens kommen. Kein Wunder, dass die EAS-Nutzerin Laux-Flajs Sprache weniger gut verstand. Das CI-Team an der Klinik half rasch: Die Experten programmierten in die Audioprozessoren der beiden EAS-Systeme ein zweites Programm für die Nutzung als klassische CI-Prozessoren. Die EAS-Einstellung blieb parallel als Reserveprogramm.  

„Dass ich damit auch die tiefen Töne höre, bringt mir sehr viel. Ich habe mit dem neuen Programm gleich deutlich besser verstanden“, weiß Birgit Laux-Flajs. Der Hörtest bestätigt das: 20 bis 40 Prozent besseres Wortverstehen erreicht sie damit. Einziger Wermutstropfen ist der ungewohnte Klang, der mit dieser Einstellung einhergeht. „Wenn ich zur alten EAS-Einstellung gehe, hört sich alles zwar wieder normal an – aber es fehlen mir wichtige Teile der Information!“  

Warum manche Cochlea-Implantate wie Mickey Maus klingen  

„Wenn mich jemand angesprochen hat, habe ich losgeprustet“, so komisch klangen die Stimmen mit der neuen Prozessor-Einstellung für die Welserin. Hoch, schrill, unangenehm – wie von einer Micky Maus. CI-Techniker Roberto Zobernig erklärt den anatomischen und technischen Hintergrund für das veränderte Klangbild: „In der menschlichen Hörschnecke, der Cochlea, werden unterschiedliche Tonhöhen an verschiedenen Orten empfunden: Die hohen Töne am Eingang zur Hörschnecke, die tiefen Töne in der Spitze. Beim EAS-System werden die tiefen Töne weiterhin akustisch gehört und nur die hohen Töne elektrisch stimuliert. Deswegen wird eine kürzere Elektrode verwendet: Sie lässt den Bereich der tiefen Töne frei, stimuliert die hohen Töne aber an der jeweils richtigen Stelle im Innenohr.“ 

Mit einem klassischen CI-System werden alle Tonhöhen elektrisch stimuliert. Steht dafür nur eine kurze Elektrode zur Verfügung, gibt es laut Zobernig zwei Möglichkeiten: „Entweder das System überträgt nur die hohen Töne und stimuliert diese am richtigen Platz. Dann bleibt das Klangbild erhalten, aber wichtige Informationen für das Sprachverstehen gehen verloren.“ Das Audiogramm mit CI würde dann auch zeigen, dass tiefe Töne schlecht wahrgenommen werden.  

Häufiger wird die Alternative gewählt, eine Art Klangkompression: „Dabei werden alle Tonhöhen vom Mikrofon erfasst und im Prozessor verarbeitet. Die gesamte akustische Information von ganz tiefen bis zu ganz hohen Tonanteilen wird in der Hörschnecke dann in den Bereich für mittlere und hohe Töne komprimiert: Sehr hohe Töne lösen weiterhin sehr hochtönige Empfindungen aus, doch auch sehr tiefe Töne führen zu lediglich mittelhohen Klangempfindungen.“ Dadurch entsteht insgesamt ein quiekendes, fiepsendes Klangbild, wie auch Birgit Laux-Flajs es beschreibt. Und das, obwohl das Audiogramm mit CI-System auch für tiefe Töne perfekte Werte liefert.  

Das Verstehen ist einfach das Wichtigste!

„Mittlerweile lach‘ ich meinen Mann nicht mehr aus, der klingt jetzt schon ganz normal“, illustriert Birgit Laux-Flajs verschmitzt, wie sie sich langsam an den neuen Klang gewöhnt. Trotzdem sei eine so umfangreiche Umstellung erschöpfend, brauche Kraft und Zeit. „Ich habe die Umstellung erst verschoben, weil ich im Alltag gerade so viel Stress hatte. Und nach der Umstellung habe ich eine Zeit lang bewusste Hörpausen gebraucht: mich hingelegt, losgelassen, Entspannungsübungen gemacht.“ Dann gesteht sie: „Manchmal verwende ich noch immer nur auf einem Ohr das neue CI-Programm, am anderen aber das alte EAS-Programm: Für gewohnten Klang auf einem Ohr, während ich mit dem neuen Programm am anderen Ohr gut verstehe.“ Denn eines ist für sie klar: „Das Verstehen ist einfach das Wichtigste!“  

„Das war unglaublich wertvoll!“ 

Die Jahre mit erhaltenem, natürlichem Tiefton-Hören möchte Birgit Laux-Flajs nicht missen. „Das war unglaublich wertvoll“, sagt sie. Etwas, das sie nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt hätte. Die Forschungsdaten unterstreichen das, wie Primar Keintzel erklärt: „Größere Insertionstiefe geht bei rein elektrischer Stimulation mit einem besseren Sprachverstehen einher.“ Deswegen sollte beim klassischen CI die Elektrode den Großteil der Hörschnecke abdecken können: Für unterschiedlich große Hörschnecken werden Elektroden in Längen zwischen 24 und 34 Millimeter benötigt. „PatientInnen mit noch erhaltenem und akustisch nutzbarem Hörvermögen erreichen aber ein besseres Sprachverstehen als rein elektrisch stimulierte Patienten.“ Das bedeutet: Im Allgemeinen verstehen EAS-NutzerInnen besser als CI-NutzerInnen. Deswegen empfiehlt der CI-Experte EAS-Systeme vor allem dann, wenn das natürliche Hörvermögen voraussichtlich noch länger stabil bleibt. Dann ist eine angepasst-kürzere Elektrode auch kein Abstrich, sondern eine bewusste Entscheidung zur Schonung des Resthörvermögens, denn: „Je tiefer die Elektrode aber inseriert wird, desto schlechter ist der Erhalt des Resthörvermögens über die Zeit.“ Für klassische CI-KandidatInnen sind lange Elektroden hingegen vorteilhafter. 

Seine Patientin Birgit Laux-Flajs weiß, worauf es ankommt: „Es ist wichtig, dass man alle Töne hört!“ Aus eigener Erfahrung empfiehlt sie daher auch anderen NutzerInnen von Hörsystemen, die regelmäßigen Kontrolltermine unbedingt wahrzunehmen. Weil Hören kein statischer Zustand ist, sondern sich über die Zeit ändern kann. Und weil man nur mit regelmäßigen Kontrollen zeitnahe auf Veränderungen reagieren kann.  

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